Geistliches Wort

Das fünfte Evangelium

Wenn es um die Bibel geht, schaffen es sogar Funde alter Handschriften in die Schlagzeilen. Vor einigen Wochen war es wieder einmal so weit: In der Türkei seien Teile des Barnabas-Evangeliums aufgetaucht. Ihr Inhalt sei spektakulär, denn dem Fund ist zu entnehmen: Jesus ist nicht der Sohn Gottes, sondern ein Prophet gewesen. Seine Aufgabe war es, die Menschen auf den letzten Gesandten namens Mohammed vorzubereiten.

Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass es hieß: „Sensationelle Handschriften entdeckt.“ Oder: „Völlig neues Bild von Jesus.“ Oder: „Geschichte des Christentums muss umgeschrieben werden“ usw. usw. Als ernstgemeinte Schlagzeile war derlei freilich nur in türkischen Medien zu lesen; dort, in der Türkei, waren die Fragmente des Barnabas-Evangeliums ja auch entdeckt worden. Bei uns in Europa überwog hingegen die Skepsis. Zu Recht, denn die seriöse Bibelwissenschaft ordnet das Barnabas-Evangelium ins Mittelalter ein. Für die Frage nach dem historischen Jesus spielt es keinerlei Rolle.

Dennoch ist nicht auszuschließen, dass es auch in Zukunft ähnliche Schlagzeilen geben wird. Ist nicht auszuschließen, dass dabei auch von tatsächlichen Neuentdeckungen zu lesen sein wird. Aber ein fünftes Evangelium, das den bekannten vier gleichwertig wäre, sollten wir nicht erwarten. Wer das sucht, sollte vielmehr seine Reisesachen packen, dabei die Bibel nicht vergessen, und ein Ticket nach Israel buchen.

Wenn es ein fünftes Evangelium gibt, dann ist es dieses Land – im besten Fall ergänzt um all die wichtigen biblischen Orte jenseits seiner Grenzen. Hier, im Heiligen Land, sprechen die biblischen Geschichten neu und unmittelbar zu uns. Etwa wenn man von Kapernaum aus auf den See Genezareth blickt, wie ihn Jesus so oft zu Fuß umwandert oder mit einem Boot befahren hat. Oder wenn man durch die Altstadt von Jerusalem läuft und sich die israelischen Wachsoldaten als römische Legionäre vorstellt, die zu Jesu Zeiten während der großen Feste durch die Straßen der Stadt patrouillierten.

Im vergangenen Herbst durften 15 Potsdamer Jugendliche, finanziell unterstützt auch von der Pfingstgemeinde, diesem fünften Evangelium auf die Spur kommen. Was sie in den 10 Tagen erlebt und erfahren haben, davon schreiben Magnus Krause und Georg Lober in dieser Ausgabe. Übrigens: Auch in diesem Jahr möchte ich mich wieder mit Jugendlichen auf die Spuren des Glaubens machen. Wohin, davon mehr in einer der nächsten Ausgaben!

Herzlich – Schulpfarrer Matthias Vogt

Quelle: Geleitwort aus dem Nordlicht 4/5 2012



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